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Fernweh ade!

Hamburg: Hansestadt mit Charme

Einerseits macht Hamburg reiselustig. Hört man bei dickem Nebel unten am Hafen die Schiffe tuten, möchte man am liebsten an Bord gehen. Andererseits macht Hamburg sesshaft. Da winkt man den Schiffen hinterher - und bleibt doch lieber daheim. Denn die Hansestadt hat Charme.

"Was gut ist für den Hafen, das ist gut für Hamburg" hört man in der Hansestadt nach wie vor. Und der Hafen macht ihn zum Teil bestimmt auch aus, den speziellen "Geist" Hamburgs. Schon darin, wie der Hafen zu dem werden konnte, was er ist, liegt etwas davon verborgen: Graf Adolph von Schauenburg hatte einst den glänzenden Einfall, seinen Untertanen einen Freibrief zu verschaffen. Am 7. Mai 1189 ließ er sich in Neuburg an der Donau von Kaiser Barbarossa ein einzigartiges Privileg zusichern. Zollfrei sollten die Hamburger alle Waren bis ans Meer und zurück befördern dürfen, im Gegensatz zu ihren Nachbarn. Ein Vertrag, der höchstens per Handschlag besiegelt wurde, denn Barbarossa war mit seinen Gedanken längst auf dem Kreuzzug nach Palästina. Er kam nicht mehr zurück. Das später aufgesetzte Dokument ist eine glatte Fälschung - war aber trotzdem höchst nützlich. Also wird noch heute gefeiert: jedes Jahr am 7. Mai. Geboten wird ein Geburtstag, der keiner ist, ein Fischmarkt, auf dem kein Fisch gehandelt wird, und wenn, dann stammt er mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht aus der Elbe. Was soll's - sogar die Hafenkapitäne heißen in Hamburg "He lücht", was so viel heißt wie "Der spinnt ganz schön herum".

Legale Piraterie

Genauso liegt der besondere Geist der Stadt in einer immerwährenden Eigenwilligkeit der Bürger. So servierten die Hamburger die holsteinische Aristokratie ab, wie überhaupt jede Form von Adel. Von 1400 an regierten an der Elbe freie Bürger. Aus ihrer Mitte wählten sie einen Rat. Der sicherte sich neben der Zollfreiheit das so genannte Stapelrecht, eine mittelalterliche Form legaler Piraterie: Nichts durfte mehr vorbeigeführt werden, ohne zum Verkauf zu stehen, oder wenigstens mit saftigem Zoll belegt zu werden. Die Folge: Fisch- und Hopfenmarkt blühten. Hamburg stieg zum "Brauhaus der Hanse" auf. Als schließlich nach dem deutsch-französischen Krieg die Zollgrenzen fielen, drängte Bismarck die Stadt zum Anschluss, um den technischen Fortschritt nicht zu verschlafen. Die "Schicksalsfrage" wurde gestellt: Sollte man dem Beispiel Londons folgen und den Hafen mit Schleusen versehen? Man tat es nicht, sondern beließ es beim offenen Tidehafen, denn Schleusen hätten Hamburg von den großen Seeschiffen abgeschnitten. Eine vertragliche Vereinbarung sicherte den Hansestädtern schließlich ihr wertvolles Privileg.

Das Leben pulsiert - nicht nur im Herzen der Stadt

Aber was ist es noch, das Hamburg seine spezielle "Seele" verleiht? Was hält sie hier, die 1,7 Mio. Einwohner, verteilt auf 84 Stadtteile (wird der Bezirk Harburg dazugerechnet, sind es sogar 104)? Eine wichtige Rolle spielt garantiert das lebendige Ambiente der Stadt: Es beginnt bei renommierten Bühnen wie dem Deutschen Schauspielhaus, der Hamburgischen Staatsoper oder dem Thalia-Theater. Zehn Universitäten, sechzig Museen, die Deichtorhallen, eine Galerie der Gegenwart und eine lebhafte Musikszene sprechen für sich. Es gibt den HSV und den FC St. Pauli, die Tennismeisterschaften am Rothenbaum und das Deutsche Derby auf der Galoppbahn in Hamburg-Horn. Hamburg bietet außerdem 21 Naturschutzgebiete sowie 60 qkm Wasserfläche.

Außerdem darf sich Hamburg "deutsche Medienhauptstadt" nennen - hier erscheinen Spiegel, Stern, die Zeit und, nicht zu vergessen, die Hauptausgabe der Bild-Zeitung. Zudem haben große Verlage in Hamburg ihren Sitz. Des Weiteren unterhält der Norddeutsche Rundfunk ein Funk- und ein Fernsehhaus, im privatwirtschaftlich geführten "Studio Hamburg" entstehen aufwändige Serienproduktionen und ein Dutzend der größten und wichtigsten Werbeagenturen ist in Hamburg zu Hause.

Ob Kaufmann oder Punk - geht's um ihre Stadt, sind beide konservativ

Aber noch vieles mehr macht den "Genius loci" aus: Hamburg ist durch und durch demokratisch - eh und je gewesen. Gleichsam hält sich bei Kaufmann wie Punk hartnäckig eine eigene Hamburger Form des Konservativen. So sind beispielsweise alle Versuche, hier eine Schickeria nach Münchener Vorbild zu etablieren, bislang gescheitert. Außerdem: Hände weg von der Speicherstadt! Hände weg von der Hafenstraße! St. Pauli bleibt St. Pauli und auch in Sasel oder Nienstedten will man hinter dichten Rhododendrenhecken nichts als seine Ruhe. Geprotzt wird sowieso nicht, schon gar nicht mit Geld oder Orden. Gründlicher kann man sich hier nicht blamieren, als mit Ferrari und goldenem Kettchen. Beides gibt es, aber nur im Milieu. Darunter versteht der Hamburger alles, wovon er noch nie gehört hat.
Zudem ist Hamburg außerordentlich tolerant. Man hat Dänen, Franzosen Engländer, Holländer, Japaner oder Österreicher kommen sehen. Und wieder gehen. Wenn sie dableiben wollten, war es auch recht. Quiddjes, also Zugereiste, sind an der Elbe stets willkommen, sofern sie etwas Geld mitbringen (wofür man ihnen früher an der Stadtgrenze sogar eine Quittung, also jenes bewusste Quiddje ausgestellt hat). "Anner Alster, anner Elbe, anner Bill", heißt das im Volksmund, "kann ein jeda machen-wasser-will." Schwule Ehe? Sogar mit kirchlichem Segen. Allein erziehend? Das ist hier praktisch jeder. Ein Drittel aller Hamburger lebt solo.

All das mögen Merkmale von Hamburgs besonderem Geist sein - doch was genau es ist, findet am besten jeder selbst - und auch für sich selbst - heraus. Gehen Sie an den Elbstrand, setzen Sie sich in den Sand - zu einem der vielen Lagerfeuer, wenn Sie wollen - und beobachten Sie die Schiffe. Spazieren Sie durch ein Naturschutzgebiet und auf der Reeperbahn, genießen Sie ein Bier am Hafen bei Sonnenuntergang und spüren Sie ihn selbst, den "Genius loci" Hamburgs.

marco polo

 
 

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