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So traditionell wie modern

Barcelona: Schön und stolz

Überall Plätze, Parks, Bänke, Skulpturen - ein amerikanischer Kritiker nannte Barcelona einmal das größte Freilichtmuseum der Welt. Im Olympia-Rausch Anfang der 1990er Jahre wurde die städtische Infrastruktur enorm verbessert und viel gebaut - mit katalanischem Stolz und Statusbewusstsein.

Nun prangt er tatsächlich wieder von Baugerüsten und Fassaden: der Olympia-Slogan "Barcelona posa't guapa" ("Barcelona mach dich schön"). Als ob Barcelona nicht längst wunderschön wäre! Und ist nicht schon ein Jahrzehnt vergangen, seit sich die Stadt, vom olympischen Fieber befallen, für 1992 herausputzte? Ganze Straßenzüge verschwanden damals hinter Bauplanen, als wäre Verpackungskünstler Christo am Werk gewesen. Seit ihrer Enthüllung wirkt die Mittelmeermetropole geradezu wie ein Gesamtkunstwerk: die verschwenderischen Jugendstil-fassaden erstrahlen in alter Pracht neben kühnen Konstruktionen aus Kristall und Glas, die Barcelonas olympischen Sprung in die (Post-) Moderne manifestieren. Zugegeben, diesmal verdecken die Bauplanen nur einzelne Ecken und Gebäude. Von punktuellen Nachbesserungen ist die Rede. Denn im olympischen Erneuerungsrausch hat man der 1,5 Millionen-Stadt zwar ein zweifellos dekoratives Gesicht verpasst - aber unter dem Make-up beginnt bereits der Putz zu bröckeln. Also wird eine Dekade später Versäumtes nachgeholt.

Großputz einer Millionen-Metropole

Schönheit und Charme Barcelonas kann das indes nichts anhaben. Im Gegenteil: Es ist ein Wesenszug der Mittelmeerstadt, unermüdlich ihr Gesicht zu wandeln, ohne den eigenen Charakter zu verlieren. Nach den Weltausstellungen 1888 und 1929 war es vor allem die olympische Rundumrenovierung von 1992, die Barcelona sowohl zum Mekka für Touristen aus aller Welt machte, als auch für Architekten und Stadtplaner: als gelungenes Beispiel urbaner Erneuerung. Dabei sind es nicht nur die von Stararchitekten entworfenen und preisgekrönten Prestigeobjekte (wie etwa das Nationaltheater von Ricard Bofill), sondern die vielen kleinen Eingriffe überall in der Stadt: ein paar Palmen, Platanen oder neue Pflastersteine hier, ein Kinderspielplatz dort. Und natürlich die Öffnung der Stadt zum Meer durch das olympische Dorf. Wo früher abgewrackte Industrieschuppen und morsche Mauern die Sicht versperrten, steht Bewohnern und Besuchern heute ein über vier Kilometer langer Sandstrand zur Verfügung. Ein neuer Sporthafen wurde angelegt, der alte bezaubernd wieder hergerichtet. Wenn Sie am Wochenende oder in einer lauen Sommernacht auf den palmenbestandenen Promenaden am Mittelmeer spazieren gehen, können Sie erleben, wie begeistert die Bevölkerung ihre neue Stadt angenommen hat. Andererseits hört man auch Klagen: über die ökologische Sorglosigkeit der Macher, die sich oft stärker an Ästhetik orientieren als an bioklimatischen Kriterien oder dem Recyclinggedanken.

Barcelona: Arco de Triunfo

In politischen Debatten wird auch stets auf die Benachteiligung durch die zentralistische Hauptstadt verwiesen. Egal, ob Finanznöte, Fehlplanung oder Fußball - Madrid ist Feind, Widersacher, Beelzebub, d. h. eben einfach an allem schuld. Dazu kommt, dass Kastilien zwar stets politisch mächtiger war, Katalonien dagegen wirtschaftlich wohlhabender. Barcelonas Besitz- und Bildungsbürgertum setzte deshalb auf Kunst und Architektur. Daran hat sich bis heute wenig geändert: Design oder Nichtsein hieß und heißt die Devise in der Ära nach Franco, ob in Kultur- oder Kleiderfragen, in Restaurants oder Diskotheken. Der ästhetische Erneuerungsrausch hat sich aber inzwischen gelegt. Auch im "Mekka der Kreativen" setzt sich zunehmend die Einsicht durch, dass ein Gegenstand nicht nur schön sein sollte und möglichst ausgefallen, sondern auch brauchbar.
Überhaupt scheint sich das Leben in Barcelona zu normalisieren - und trotzdem bleibt Barcelona eine Stadt, in der Sie stets überraschend Neues entdecken können. Ein Ort reizvoller Kontraste: am Meer gelegen und doch mitten in den Bergen. Eine der bedeutendsten Designmetropolen Europas, die gleichzeitig die zweitgrößte Altstadt nach Neapel besitzt. Selbst der Charakter der Bewohner scheint vom Gegensatz geprägt: einerseits von gesundem Menschenverstand, Gemein- und Geschäftssinn, der andererseits jedoch plötzlich umkippen kann in einen irrationalen Zustand rauschhafter Erregung. Außerdem ist da noch die uralte Sehnsucht der Katalanen nach Europa, nach "dem Norden" - und gleichzeitig eine zutiefst mediterrane Mentalität. Barcelona wird deshalb gern als nördlichste Metropole des Südens und südlichste Stadt des Nordens bezeichnet.

Die Kehrseite der Medaille

Allerdings muss auch von den weniger reizvollen Gegensätzen Barcelonas die Rede sein. Denn die Stadt ist nicht überall schön. In den vernachlässigten Außenbezirken wie Bellvitge oder La Mina beherrschen triste Betonklötze mit billigen Sozialwohnungen das Bild. Zu den sozial benachteiligten Gegenden zählt auch die Altstadt - hier geht indes die Sanierung, wenn auch sehr zögernd, voran. Einiges getan hat sich vor allem im Raval, in dessen unterem Teil sich das legendäre Barri Xino befindet, das als berüchtigtes Hafen- und Rotlichtviertel in die Weltliteratur eingegangen ist. Ein neuer Prachtboulevard und vor allem die neue Kulturmeile um das Museum für Zeitgenössische Kunst haben mit ihren Galerien, Geschäften und Restaurants das Bild verändert. Nicht nur zum Guten: Immobilienhaie vertrieben etwa einkommensschwache Einwohner, die die Mieten nicht mehr zahlen können. Gott sei Dank ist Barcelona aber weit davon entfernt, zu einer gleichförmig modernen Stadt zu werden. Zum Glück verfügte die Mittelmeermetropole bislang stets über genügend Abwehrkräfte, um ihre Eigenheit und Schönheit zu bewahren und zu restaurieren, und doch immer wieder aufregend Neues hervorzubringen.

 
 

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